Der Klimawandel wird immer gravierender und seine Folgen spürbarer, die Ära billiger fossiler Energien neigt sich dem Ende zu und die Nahrungsmittelproduktion wird krisenanfälliger. Die Turbulenzen des Finanzsystems haben nicht nur die öffentlichen Haushalte belastet und werden sie künftig noch mehr belasten, sie gefährden auch den sozialen Frieden in Europa.

Die Politik, aber auch die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft müssen auf diese Herausforderungen Antworten geben. Dabei ist ein Umdenken im Umgang mit den gebauten Strukturen und den Versorgungssystemen notwendig. Der Klimawandel und die Energiekrise erfordern neue systemische Lösungen. Es geht um die lokale und regionale Umsetzung der Energiewende, um postfossile Mobilität und um einen langfristig angelegten ökologischen Umbau von Stadt und Region. Denn nur mit mehr Energieeffizienz und mit dem massiven Einsatz erneuerbarer Energien kann der Abschied vom fossilen Zeitalter gemeistert werden. Hier sind vor allem die Städte gefragt, denn sie sind das Problem (durch Energieverschwendung), aber auch dessen Lösung (durch ihre Gestaltungskraft und Energieeffizienz). Gelingen kann die Energiewende jedoch nur, wenn sie nicht als isolierte Aufgabe betrachtet, sondern in integrierende Strategien der Stadtentwicklung eingebettet wird.

Zu den aktuellen zentralen Aufgabenfeldern nachhaltiger Stadtentwicklung gehören der behutsame ökologische Umbau von Gebäuden und Quartieren, die Erneuerung der stadttechnischen Infrastruktur, die Entwicklung einer neuen Mobilität und die gesellschaftliche Integration der Stadtbevölkerung.

Eine neue Mobilitätskultur

Eine neue Mobilitätskultur, die sich auf einer echten Balance von Fußgängern, Fahrradfahrern, öffentlichem Personenverkehr und – reduziertem – Autoverkehr sowie auf innovative Technik gründet, ist eine weitere Schlüsselaufgabe nachhaltiger Stadtentwicklung. Oberstes Ziel muss eine stadtverträgliche und energieeffiziente Mobilität sein. Der häufig sehr optimistisch eingeschätzte Einsatz von Fahrzeugen mit alternativen Antriebsformen (beispielsweise Elektromobilität) ist nur dann ein Beitrag zur Nachhaltigkeit, wenn die Energie aus regenerativen Quellen stammt und zudem die Lärmemissionen verringert werden. Aber auch Elektroautos beanspruchen weiterhin sehr viel Fläche, und die Unfallrisiken bleiben. Die größte Herausforderung ist es, den immer noch stark wachsenden Güter- und Wirtschaftsverkehr stadtverträglich zu organisieren.

Umsteuerung der Investitionsetats

Im Feld der neuen Mobilität geht es um die deutliche Umsteuerung der Investitionsetats von Bund, Ländern und Kommunen in Richtung einer autoarmen und integrierten Mobilität. Hierzu gehört die Unterstützung des ÖPNV und des Mobilitätsmanagements genauso wie neue Angebotsformen, etwa Leihfahrräder und Car-Sharing. Dazu müssen in allen relevanten Fachpolitikfeldern die Weichen neu gestellt werden. Die bisher dominante Straßenneubaufinanzierung muss in ihrer Zielsetzung überdacht werden, der Umweltverbund (Eisenbahn, ÖPNV, Radverkehr) ist stärker zu fördern.

Die gesellschaftliche Integration aller Teile der Bevölkerung ist und bleibt eine große Aufgabe der Stadtpolitik. Eine wachsende Polarisierung von Armut und Reichtum führt zu einer vertieften sozialräumlichen Spaltung der Städte. Um die Integrationskraft der Stadt zu bewahren und zu stärken, müssen Schwache geschützt, interkulturelle Begegnungen gefördert, Barrieren abgebaut und Chancen vermittelt werden. Dazu bedarf es des Engagements der Zivilgesellschaft, aber auch der Verwaltung.

Neue Balance von Dichte, Offenheit und Mischung

Die Städten müssen beim nachhaltige Umbau eine neue Balance von Dichte, Offenheit und Mischung finden. Städte brauchen Freiraum für Erholung, Kaltluftspeicher und urbane Landwirtschaft, attraktive, fußgängerfreundliche Straßen und Plätze, Grün-und Freiflächen. Sie benötigen aber auch bauliche Dichte sowie eine soziale, funktionale und bauliche Mischung. Ein gutes Verhältnis von Dichte und Offenheit trägt dazu bei, eine gesunde Stadt zu schaffen. Die kompakte Stadtentwicklung mit wohl dosierten offenen Räumen im Sinne einer „Stadt der kurzen Wege“ ist das Ziel des ökologischen Umbaus.

Ressourceneffizienz und Klimaschutz kann die Stadt nur gemeinsam mit ihrem Umland erreichen. Es bedarf dazu einer intensiven und integrativen Abstimmung um einen Ausgleich zwischen Stadt und Land, eine neue regionale Balance, zu finden. Städte und ihr Umland müssen kooperieren, um regionale Wirtschaftskreisläufe zu stärken, die Nahrungsmittelversorgung der Städte aus dem Umland zu verbessern, regionale Energie-und Wasserverbände einzurichten, die Region für Naherholung zu erschließen und den stadtregionalen öffentlichen Verkehr zu stärken. Je mehr Produkte, Dienstleistungen oder auch Energie in den Regionen erzeugt und ausgetauscht werden, desto weniger Transportaufwand entsteht.

Prof. Dr.-Ing. Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär a.D.